Ironie der Geschichte: In einem der weltweit am längsten permanent besiedelten Orte, hausen wir nun seid beinahe zwanzig Tagen in unserem Sidi. Nicht dass uns das nicht gefällt, aber es ist uns bewusst, dass wir damit dem zivilisatorischen Anspruch der Stadt kaum gerecht werden. Auf der anderen Seite wissen wir, dass in der hier herrschenden Kälte, die für die sommerliche Hitze gebauten Häuser keineswegs komfortabler sind. Dies umso mehr, als unser Sidi uns seit kurzem dank einer neuen Batterie auch wieder Licht und Wärme spendet. Die alte Batterie war hinüber und wir sassen ein paar Tage, trotz ausgedehnten Batterieaufladeausfahrten, im Dunkeln und Kalten und konnten diesen Zustand, infolge des Eid al-Adha (Ende des Hadj) und dem damit zusammenhängenden Totalstillstand der ansonsten quirligen Stadt, nicht ändern.
Anyway, wir können in der Zwischenzeit das arabische Alphabet entziffern und aussprechen, und weben ansonsten fleissig an unserem Netzwerk, das uns neben netten Menschen mit vielen Tipps und Tricks eines schönen Februar- oder Märztages zu einer möglichst spannenden Arbeitstelle, sowie vielleicht trotz Sidi zu einem erschwinglichen Zimmer verhelfen soll. Wenn wir nur wüssten, wie wir es dem Sidi sagen sollen, dass wir auf seine Dienste vorübergehend zu verzichten gedenken. Wir suchen noch die nach Möglichkeit diplomatischmitfühlendoffenschonendsowiegleichzeitigwerschätzungausdrückenden Worte. Ihr seht, nicht ganz einfach.
Bis zu dieser schwierigen Ankündigung werden wir aber in ein paar Tagen nach Jordanien fahren, dort liebe Freunde und Familie treffen und können uns dann die genaue Formulierung noch überlegen.
Noch etwas zur Stadt. Damaskus ist überraschend modern und in einigen Quartieren sogar westlicher als der Westen. Designermenschen (Frauen häufig mit Designerkopftüchern) fahren in Designerlimousinen von ihren Designerboutiquen zu einem Designer LatteMachiatto in einem Designercafé, das ein biederes Starbucks auch und gerade bezüglich Preisen erblassen lässt.
Gleichzeitig gibt es da grosse historische Altstadt mit kleinen Gassen und einem grossen, quirligen, mal wohlriechenden mal stinkenden Basar, wo man viel Zeit hat und alles finden und verhandeln kann. Allerdings entspricht der Basar nicht ganz der „orientalischen“, verwinkelten und farbenfrohen Vorstellung, den z. B. Marokkokenner so schwärmen. Das Wirrwarr ist zumindest teilweise autogängig, rechtwinklig und ausgeschildert, und die Läden sind zum Teil relativ grosszügig und modern beleuchtet. Fährt man weiter weg vom Zentrum kommt man nach einer normal-grauen Übergangsphase relativ schnell von der Designer- in eine schmutzige und sehr arme Welt. Hier leben diejenigen, die weder die „richtigen“ Beziehungen, noch das „richtige“ Business (was meistens wohl einher geht) haben.
Wie schon teilweise in der Türkei ist das gleichzeitige Neben- und Miteinander von so völlig verschiedenen Milieux verblüffend und macht wohl den Reiz der Stadt aus, dem wir uns nicht entziehen können. Wir können uns denn auch gut vorstellen hier einige Monate Arabisch zu lernen und – Inschallah – zu arbeiten.





Neueste Kommentare