Damaskus

15 12 2008

Ironie der Geschichte: In einem der weltweit am längsten permanent besiedelten Orte, hausen wir nun seid beinahe zwanzig Tagen in unserem Sidi. Nicht dass uns das nicht gefällt, aber es ist uns bewusst, dass wir damit dem zivilisatorischen Anspruch der Stadt kaum gerecht werden. Auf der anderen Seite wissen wir, dass in der hier herrschenden Kälte, die für die sommerliche Hitze gebauten Häuser keineswegs komfortabler sind. Dies umso mehr, als unser Sidi uns seit kurzem dank einer neuen Batterie auch wieder Licht und Wärme spendet. Die alte Batterie war hinüber und wir sassen ein paar Tage, trotz ausgedehnten Batterieaufladeausfahrten, im Dunkeln und Kalten und konnten diesen Zustand, infolge des Eid al-Adha (Ende des Hadj) und dem damit zusammenhängenden Totalstillstand der ansonsten quirligen Stadt, nicht ändern.

 

Anyway, wir können in der Zwischenzeit das arabische Alphabet entziffern und aussprechen, und weben ansonsten fleissig an unserem Netzwerk, das uns neben netten Menschen mit vielen Tipps und Tricks eines schönen Februar- oder Märztages zu einer möglichst spannenden Arbeitstelle, sowie vielleicht trotz Sidi zu einem erschwinglichen Zimmer verhelfen soll. Wenn wir nur wüssten, wie wir es dem Sidi sagen sollen, dass wir auf seine Dienste vorübergehend zu verzichten gedenken. Wir suchen noch die nach Möglichkeit diplomatischmitfühlendoffenschonendsowiegleichzeitigwerschätzungausdrückenden Worte. Ihr seht, nicht ganz einfach.

Bis zu dieser schwierigen Ankündigung werden wir aber in ein paar Tagen nach Jordanien fahren, dort liebe Freunde und Familie treffen und können uns dann die genaue Formulierung noch überlegen.

 

Noch etwas zur Stadt. Damaskus ist überraschend modern und in einigen Quartieren sogar westlicher als der Westen. Designermenschen (Frauen häufig mit Designerkopftüchern) fahren in Designerlimousinen von ihren Designerboutiquen zu einem Designer LatteMachiatto in einem Designercafé, das ein biederes Starbucks auch und gerade bezüglich Preisen erblassen lässt.

Gleichzeitig gibt es da grosse historische Altstadt mit kleinen Gassen und einem grossen, quirligen, mal wohlriechenden mal stinkenden Basar, wo man viel Zeit hat und alles finden und verhandeln kann. Allerdings entspricht der Basar nicht ganz der „orientalischen“, verwinkelten und farbenfrohen Vorstellung, den z. B. Marokkokenner so schwärmen. Das Wirrwarr ist zumindest teilweise autogängig, rechtwinklig und ausgeschildert, und die Läden sind zum Teil relativ grosszügig und modern beleuchtet. Fährt man weiter weg vom Zentrum kommt man nach einer normal-grauen Übergangsphase relativ schnell von der Designer- in eine schmutzige und sehr arme Welt. Hier leben diejenigen, die weder die „richtigen“ Beziehungen, noch das „richtige“ Business (was meistens wohl einher geht) haben. 

Wie schon teilweise in der Türkei ist das gleichzeitige Neben- und Miteinander von so völlig verschiedenen Milieux verblüffend und macht wohl den Reiz der Stadt aus, dem wir uns nicht entziehen können. Wir können uns denn auch gut vorstellen hier einige Monate Arabisch zu lernen und – Inschallah – zu arbeiten.





Überwältigt

4 12 2008

Gastfreundschaft auf Syrisch:  Drei Mal haben wir mit unserm Petrolio angehalten – und drei Mal wurden wir umgehend beschenkt: von frischem chubz (Brot) über shai (Tee) bis zu einem Abendessen (asha) all inclusive. Oder ‘Was Geldwechseln alles für positive Nebeneffekte mit sich bringen kann’:

In Idlib, der nächsten grösseren Stadt nach der Grenze, wollen wir syrische £ erwerben, was anfänglich einerseits an unseren weitgehend fehlenden Arabischkenntnissen und andererseits – noch entscheidender – an den bereits geschlossenen Banken scheitert. Unverhofft nehmen sich zwei Englisch sprechende syrische Studenten unser an. Sie steigen gleich hinten ein und lotsen uns zu einem first class Hotel. An Geld wechseln ist da zwar bis auf weiteres nicht zu denken – das hiesse diese beiden schlecht kennen. Zuerst einmal laden sie uns also zu einem Tee ein. Anschliessend gehen wir in die hoteleigene Bank. Ende der Geschichte? Mitnichten, die fängt erst an. Sie laden uns zu sich auf’s Land ein. Wir fahren 30km in der Dämmerung zwischen Oliven- und Kirschenplantagen und durch kleine Dörfchen. Erst bittet uns der eine zu sich zum Tee – ein lokales Sängertalent gibt arabische Klassiker zum Besten während wir im Gegenzug den minim trockeneren Mani Matter zupfen und singen. Schliesslich werden wir vom anderen zu geschlechtergetrennter Plauderstunde und anschliessendem Abendessen mit dem Hausherr und unserem Gastgeber, seinem Sohn, eingeladen. Die Grossfamilie lässt sich jeweils mit vielen Freunden – und herbeitelefonierten Englisch- bzw. Französischlehrern (zwecks Vereinfachung der Kommunikation) – in einem mit Teppichen ausgelegten Zimmer auf Matrazen und Kissen nieder. Dann wird Tee serviert und über Familie, Kinder, Beruf, Lebenshaltungskosten, unseren Camper (und wieviel er denn gekostet hat), die Reiseroute und vieles mehr geplaudert. Auch Politik ist ein Thema, so wissen wir jetzt, dass der junge Präsident höchst verehrt wird („We love, love, love our President very, very, very much“) und in diesem Arbeiterparadies (Arbeitszeit 9h- 14.00h) alles gratis (Spitäler, Schulen, etc.) ist, und dies ohne Steuern zu bezahlen!! Unnötig zu sagen, dass wir ob dieser werbetechnischen Meisterleistung der Staatsmedien äusserst beeindruckt sind. Zum Essen wechseln wir in ein ähnlich ausgestattetes Zimmer, setzen uns auf Kissen am Boden und essen ein feines, traditionell arabisches Gericht. Nach vielen äusserst herzlichen Plauderstunden und grossem Interesse erklären uns unsere Gastgeber, dass es nicht in Frage komme, uns draussen im Camper schlafen zu lassen. Wir schlafen schliesslich im Gästezimmer.

Syrische Gastfreundschaft wie aus dem Bilderbuch, und dies bereits an unserem ersten Abend in diesem Land. Wir sind schlicht überwältigt.

Tags darauf besuchen wir mit unseren beiden studentischen Freunden die Uni. Wir werden den ganzen Morgen von einem Büro zum nächsten komplimentiert und verschiedenen wichtigen, wichtigeren und weniger wichtigen Menschen etc. vorgestellt. Erstaunlich wie viele „Präsidenten“ es in diesem kleinen Institut gibt! Alle sind sie höchst erfreut und nehmen sich Zeit mit uns zu plaudern und uns in ihrem Land herzlich willkommen zu heissen (ahlan ve sahlan). Dabei trinken wir Tee, Tee und nochmals Tee. (Unsere beiden Begleiter finden dies übrigens sehr lustig, da wir ja auch Kaffee wählen könnten – würden wir dies denn mögen;) ). Schliesslich verabschieden wir uns von unseren neuen Freunden, nicht aber ohne versprochen zu haben, sie nochmals zu besuchen und uns beim kleinsten Problem bei ihnen zu melden. Sie würden zweifellos ohne zu zögern nach Damaskus fahren.

Anschliessend fahren wir völlig erschöpft weiter. Gast sein ist eine unvergessliche Erfahrung aber auch sehr anstrengend. Wir stehen pausenlos im Mittelpunkt, die Wünsche werden uns förmlich von den Augen abgelesen, was auf Dauer ermüdend wird, weil wir – mit dieser Kultur noch wenig vertraut – ständig abschätzen müssen, was, in welcher Situation angebracht ist, und was nicht. Äusserst beeindruckt hat uns der aufrichtige Respekt, welcher uns – ungeachtet von Herkunft, Religion oder Ansichten, kraft unseres „Gast seins“ entgegengebracht wird.