Istanbul – Izmir

15 10 2008

Merhaba. Seit dem letzten Eintrag ist viel geschehen und doch ist es nicht einfach ein Thema auszuwählen. Es folgen einige kleine Episoden:

Um auf die asiatischen Seite des Bospurus zu gelangen hat man genau zwei Brücken zur Verfügung. Nach einer längeren – wenn auch nicht orientierunglosen so doch etwas „indirekten“ – Fahrt stehen wir endlich vor der nicht-beabsichtigten Brücke inklusive Mautstation, deren verschiedene Spuren – ihr ahnt es schon – nur in Türkisch angeschrieben sind. Weil überdies Piktogramme für unnötig befunden worden waren, können wir uns absolut unvoreingenommen für eine Spur entscheiden. Kurz unentschlossen wählen wir die Spur links der Mitte. Also rechts sind wir sicher nicht und allzu extrem links auch nicht. An der Barriere erwartet uns dann ein freundlicher Mensch, dessen in makellosem Türkisch vorgetragener Vorschlag, uns für 45.- CHF eine Karte zu verkaufen, von uns ebenfalls makellos und freundlichen mit hayr (Nein) beantwortet wird. Tja, was nun? Notgedrungen verlegen wir uns auf unschuldig Lächeln und Schulterzucken. Nach drei langen und unfruchtbaren Minuten beiderseitigen, starrsinnigen Wiederholens des eigenen Standpunktes erbarmt sich schliesslich jemand nicht mehr sooo freundliches aus der hinteren Kolonne und entwertet eine Fahrt von seiner Karte.

In Bursa übernachten wir – wieder einmal – auf einer Tankstelle. Am folgenden Morgen kommt spontan der junge Geschäftsführer vorbei, lädt uns zu einem Tee ein und schenkt uns eine schöne Kerze sowie die Herausforderung mit den 30 oder so uns bekannten Wörtern eine halbe Stunde ein Gespräch zu führen. Fazit: Die Gastfreundschaft ist offensichtlich sogar in den Städten gross und auch hier scheint es als ob ausländische Fahrer rare Gäste sind.

Bei einem Kontrollblick stellten wir fest, dass sich Sidi eigenmächtig entschlossen hat uns nach hinten eine bessere Sicht zu verschaffen. Die hintere Türe scheint vom Gewicht der Velos, die nun schon seit längerem als faule Passagiere mitfahren, derart nach aussen gebogen zu sein, dass wir bei geschlossener Türe durch einen Spalt nach draussen sehen können – und dies nicht etwa durch das Fenster. Da wir bereits genügend Frischluftzufuhr haben und wir auch keinen weiteren Noteinstieg brauchen (vgl. unten), führen wir die Türe einem türkischen Mechaniker vor – und tatsächlich, er findet einen Weg, sie oben besser zu verankern. Bei einem weiteren Cay schweigen wir uns dann noch ein Weilchen an, bevor wir uns dann auf dem Schlafplatz neu entschlossen hinter unsere Türkisch-Wörter machen. Fazit: Die Mechaniker sind gut, unsere Sprach-
kenntnisse weniger.

Beim Warten auf einen freiwerdenden Parplatz in Izmir können wir uns zwar unseres Erachtens zufriedenstellend verständigen. Um jedoch ganz sicher zu sein, dass wir ausser einem Parkplatz keine weiteren Probleme, Bedürfnisse, Wünsche haben, holt der Wächter vorsorglich sprachliche Verstärkung in Form des Hotelportiers des ziemlich gediegenen Swisshotels gleich nebenan und dieser wiederum ruft seinen Vorgesetzten. Ihm bestätigen wir schliesslich auf Englisch, dass wir wunschlos glücklich sind.

Wir befinden uns im Moment in Izmir, fahren dann weiter nach Ephesus, bevor wir dann über das Landesinnere Richtung Kapadokien ruckeln.

Damit kein falscher Eindruck entsteht noch folgender Zusatz: wir schlagen uns sprachlich (und auch sonst:-) wacker durch, kommunizieren alles in allem ganz erfolgreich mit den Leuten und unser Wortschatz und unsere Ausdrucksmöglichkeiten vergrösseren sich angesichts unseres sprachlichen Kaltstarts sowie der zumeist fehlenden Fremdsprachenkenntnisse unserer Gesprächspartner, rasend schnell.

Der Westen der Türkei erscheint uns abseits weniger, per Schiff und Flugzeug erschlossener Touristenzentren, als modernes und industrielles – aber durchaus nicht als ein vom internationalen Massentourismus „betroffenes“ Gebiet. Wir entdecken hier moderne Städte (Bursa-Izmir) und eine zeitweise wunderschöne Küste (um Ayvalik, unterhalb Dikili), die aber leider an manchen Orten rasant mit Fertigbauimmergleicheterasseundrasenmitblickaufsmeerreihenhäuschen, wohl für lokale Käufer, zer…baut wird.
Liebe Grüsse aus Izmir





Istanbul

6 10 2008

Merhaba

Wir sind da und der erste Kontakt ist uns iyi (gut) gelungen.

Ca. 40km vor der Stadt und weit von der entsprechenden Markierung auf der Karte stellen wir fest, dass die Kleinstädte (jeweils so um die 200′000 Einwohner) plötzlich lückenlos aufeinander folgen. Nach weiteren 20km stocken wir im Verkehr, Hügel über Hügel durch einen zunehmend dichten urbanen Dschungel. Wir haben so erzwungenermassen genug Zeit zu erfassen, um welche Grössenordnung Stadt es sich handelt: 16 Millionen Einwohner. Wir waren beide schon im viel grösseren Mexiko City aber das hier ist zumindest für mich gerade so beeindruckend, man fühlt die Menschenmasse irgendwie besser.

Nach dem kyrillischen Bulgarien ist daher tröstlich nun die Schilder wieder lesen zu können. Dank unserer guten Nase erwischen wir die wohl beste Einfallstrasse (am Meer) und fahren frech mitten ins Zentrum. Dort fragen wir in einem Hostel nach billigen Standplätzen und stehen seither grad hinter der Blauen Moschee und Hagia Sophia in einer von einem sympatischen Typen bewachten Häuserlücke alias Parkplatz. Wir haben im Sidi alles was wir brauchen (sogar Internet), und bezahlen dafür bescheidene 9.- CHF pro Tag. Das gesparte Geld investieren wir seither wacker in türkische Süssigkeiten ‘Baklava’ (nach mehreren intensiven Testreihen als geeigneter Schokoladenersatz befunden), Restaurantsbesuche und natürlich auch in die überteuerten Sehenswürdigkeiten. Die Preise sind schwer fassbar. Von wirklich billig und gut bis masslos überteuert haben wir schon alles gefunden, wobei leider der erste Fall selten, und und der zweite normal ist. Es ist halt wie an jedem Ort mit zu vielen Touristen: alles ist teuer, der Service medioker und die Freundlichkeit zum Teil eher erkauft als von Herzen.

Istanbul ist rasend schnell und beschaulich zugleich. Fast täglich gehen wir über die Galatabrücke über das Goldene Horn und regelmässig brauchen wir für die paar hundert Meter weit über eine Stunde. Diese Ecke pulsiert was das Leben hergibt. Stellt euch folgende Komposition vor: Auf der Brücke bis spät in die Nacht angeln Hunderte um die Wette. Die Ruten sind so dicht, dass wohl kaum ein Fischchen diesem Köderlabyrinth entgeht, womöglich – angesichts der trüben Brühe – auch gar nicht entgehen will. In der nächsten Reihe kann man dann diese meistens winzigen Fischchen gleich von rollenden Ständen kaufen. Keine Lust auf Fisch? Keine Angst: Hier bleibt niemand ungenährt. Im Trend sind Nüsse, Fleischspiesschen, Mais, Sandwiches und allerlei Süsses. Was vergessen? Richtig! Auch Kebabstände sind den Türken nicht ganz unbekannt. An beiden Enden der Brücke befindet sich der Fährhafen. Die Schiffe fahren wie die Autos eine Spur aggressiver als in der beschaulichen Schweiz. Kein gemütliches Ablegen und erst 200m vom Ufer weg beschleunigen, sondern Taue weg und Volldampf ahoi, da müssen die Fischer schauen, dass ihre Köder nicht auf der falschen Bugseite schwimmen. Was gibt es sonst noch zu sehen? Nun, der Mensch will ja nicht nur Essen und folgerichtig kann man weitere essentiellen Dinge auch gleich vor Ort kaufen. Alle paar Meter lobt also einer seine Gurtesammlung, präsentiert seine Nagelscheren, preist seine Küchenmesser, zieht einem in seinen Rolexladen rein, bindet seine Krawattenkollektion neu, oder lässt seine Spielzeughelikopter kreisen. So nun haben wir die wesentlichen Bestandteile und es fehlt nur noch der Ton und der Geruch. Jede Aktivität wird mit der passenden Musik – selbstredend immer ein wenig lauter als der Nachbar – unterlegt. Es hupt und schreit und jubelt und kreischt und heult und vibriert  und hornt und rumpelt und trampelt also was die Schallwellen übertragen können. Der detaillierte Beschrieb des dazugehörenden Dufts sowie des zurückbleibenden – aber in der Nacht jeweils weggezauberten – Müllhaufens will ich euch ersparen.

Vielleicht gerade ebenso faszinierend wie das beschriebene Bild ist die Tatsache, das die einzelnen Bestandteile dieses wirren, rasenden Gewimmels überaus gelassen und ruhig ihrem Geschäft nachgehen. Die Fischer, Verkäufer, Passanten wirken als Individuen völlig locker, die aus ihnen bestehende Menge hingegen eher weniger.

So vielfältig wie das beschriebene Bild sind natürlich auch die Menschen. Verhüllt, bekopftucht wechselt ab mit modern, geschminkt. Allerdings, das oben beschriebene Bild, muss leider noch mit einem dunkeln Farbton ergänzt werden. Die Akteure sind beinahe ausnahmslos Männer, die wenigen Frauen haben bestenfalls eine Zuschauerrolle. Nach 5 Tagen intensiver Feldforschung (worauf wir dank unserer 5+ jährigen Ausbildung bestens vorbereitet sind;) ) steht unser Zähler bei genau zwei unbegleiteten Frauen sowie einer Fischerin. So modern sie manchmal daherkommen, alleine bewegt Frau sich in der Altstadt-Galatabrücke von Istanbul 2008 nicht. Zynisch könnte man vermuten, dass man sie wohl nicht sieht, weil jede, die das – ev. sogar noch unverschleiert – wagen sollte unweigerlich nach kürzester Zeit männliche Begleitung erhält … Diese Tatsache hat uns für Istanbul ein wenig überrascht.

Die Leute sind sogar hier in der Metropole ungeahnt kontaktfreudig. Pro Tag werden wir mehrmals spontan angesprochen und damit meine ich nicht die Verkaufs- oder Restaurant-Schreier. Die Leute sind häufig echt interessiert und registrieren schmunzelnd und wohlwollend unsere kläglichen Türkisch-Versuche. Zumeist geben Sie uns gleich auch noch Wetter und Reisetipps aber wir bekamen von einem kleinen Händler um die Ecke auch schon spontan ein Abendessen vorgesetzt (nach günstig ausgefallener Ad-hoc Markstudie / Preisvergleich kaufen wir jetzt natürlich fleissig bei ihm ein, soviel haben wir von der hiesigen Wirtschaft begriffen:-) ). Bezüglich der Sprache: wir haben und geben uns Mühe aber Türkisch ist halt nicht Spanisch und unsere Fortschritte nach ein paar Tagen sind, wenn auch durchaus vorhanden, doch bescheiden. Nach der Begrüssung und ein paar doch relativ anspruchslosen Wörtern / Sätzchen wie „wo ist“ und „wie teuer ist“ (und natürlich „das ist viel zu teuer“) sind dann halt die kürzlich gelernten Wörtchen aus dem Hirni verschwunden und es folgt unweigerlich die Frage: „Do you speak English?“ Wir arbeiten daran, dies noch vor dem Arabisch lernen deutlich zu ändern und nicht mehr sprachlich quasi-sprachlos wie … (frei einzusetzen: Amerikaner, Franzosen, etc) aufzutreten.

Noch eine kleine Meldung vom Sidi. Nach einigen bangen Minuten der Entzweiung von uns und unseren Autoschlüsseln bei gleichzeitig verschlossenen Türen wurde uns plötzlich der tiefere Sinn des vorher verständnislos betrachteten Lochs zwischen WC-Decke und Dachkkoffer bewusst. Fräne, trotz regem Baklava-Konsum schlank und rank, schlüpfte hindurch und ersparte uns eine mühselige und kostspielige – und dem Sidi eine schmerzhafte – Aufbrechaktion. Wir geloben in Zukunft allen nicht auf Anhieb verständlichen Dingen mehr Respekt zu zollen. Gleichzeitig haben wir den sogenannten „Baklava-Test“ in unser Fitnesskontrollprogramm aufgenommen. Fehlt nur noch ein Gegenstück für mich.

Also, jetzt höre ich besser mal auf und lasse euch so noch Zeit kurz zu verschnaufen bevor ab ca. morgen neue Fotos erscheinen.

Eyvallah.